Indiegograu akustischer Indiepop aus Hamburg

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Kunst ist keine Waffe – Zum Problem politischer Kunst

Die Politrockband Ton-Steine-Scherben veröffentliche Anfang der 70er Jahre das Manifest ‚Kunst ist eine Waffe‘, welches für das Kunstverständnis der sogenannten Neuen Linken prägend wurde. Eine Kunst im Dienste der Revolution. Dort heisst es: „Wir brauchen keine Ästhetik; unsere Ästhetik ist die politische Effektivität. Unser Publikum ist der Maßstab und nicht irgendwelche ausgeflippten Dichter. Von unserem Publikum haben wir gelernt Lieder zu machen, nur von ihnen können wir in Zukunft lernen, Lieder für das Volk zu machen.“

Den Scherben fiel diese gruselige Sichtweise selbst auf die Füße. Nachdem sie jahrelang immer wieder Songs wie ‚Macht kaputt, was Euch kaputt‘ macht und ‚Keine Macht für Niemand‘ singen mussten, flohen sie aufs Land, wo sie mit ausgefallener Musik und persönlicheren Texten experimentierten.

Andere machten hingegen weiter. Politrock der 70er, Punkrock der 80er, Diskurspop der 90er in einer Restlinken, die sich immer noch über Songs wie Tocotronics ‚Keine Angst für Niemand‘ oder Blumfelds ‚Macht verrückt, was Euch verrückt macht‘ identifiziert. Wurde die Popkultur links oder wurde die Linke zu einem Popphänomen? Die Punkband But Alive formulierte das Problem kurz vor ihrer Selbstauflösung mit Ironie: „Popmusik ist Bürgerkrieg für Euch und Eure beknackten Freunde mit viel zu viel Zeit!“

So what? Kann also die Pop-Antifa endlich nach Hause gehen? Der Philosoph Walter Benjamin verglich 1936 – als der Faschismus in Deutschland und Italien schon gesiegt hatte und in Spanien auf dem Vormarsch war – linke und rechte Kunstideen. „So steht es um die Ästhetisierung der Politik, welche der Faschismus betreibt. Der Kommunismus antwortet ihm mit der Politisierung der Kunst.“ Das ist der Unterschied ums Ganze. Die Verkleidung von Gesellschaftskritik in Kunst, die effektive Ästhetisierung von Politik, ist hilflos. Vor dem Feuer des Faschismus gibt es keine Flucht in die Wälder der Romantik. Aber auch die Versuche politischer Kunst scheiterten: Brechts Stücke werden heute in jedem Kleinstadttheater für die dortigen Lehrer aufgeführt, die Klamotten zum Chaostagefilm gibt‘s bei H&M, die Ikonen der Poplinken sind lange verramscht. Gegen die von Benjamin noch erhoffte Politisierung der Kunst sagte schon sein Freund Adorno: „Die Funktion der Kunst in der gänzlich funktionalen Welt ist ihre Funktionslosigkeit; purer Aberglaube sie vermöchte direkt einzugreifen oder zum Eingriff veranlassen. Instrumentalisierung von Kunst sabotiert ihren Einspruch gegen Instrumentalisierung.“

Erfahrungen ausdrücken und ermöglichen kann nur eine Kunst, die sich nicht einspannen lässt, oder wie die Sterne sangen: „…also keine Parolen, keine blöden, wie die: Fickt das System!“

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