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Das Boheme Problem

Wer mit 20 kein Anarchist ist hat kein Herz, wer mit 30 immer noch Anarchist ist hat keinen Verstand. Niemals hätte ich diesen Satz mit 20 unterschrieben, nun schreibe ich ihn mit 30. Etwas ist verloren gegangen. Das gute alte Wir gegen Sie, die verflossene Liebe zum revolutionären Subjekt. Schon der Philosoph Adorno sprach von einem Zustand der ‚klassenlosen Klassengesellschaft‘. Die Ungleichheit wird um so fester, je weniger die Menschen sie wahrzunehmen scheinen. Was in Deutschland einmal durch die Einschmelzung der Klassen zur Volksgemeinschaft gelang, besorgt heute die sozialpartnerschaftliche Ideologie und ihre Kulturindustrie. Hieß es bei Brecht noch „Reih Dich ein in die Arbeitereinheitsfront, wenn Du auch ein Arbeiter bist“, so beendete die Kabarettgruppe ‚Der Blarze Schwock‘ den Satz mit „wenn Du auch einen Arbeiter kennst.“ Wo ist das kämpfende Proletariat geblieben? Soziologisch wurde es entweder wegrationalisiert und lebt als eher unkämpferisches Prekariat, daß gegen Hartz IV und für mehr Arbeit demonstriert. Schlimmer als ausgebeutet zu werden, ist nicht ausgebeutet zu werden. Oder ist die Arbeiterklasse so weit sozial aufgestiegen, dass sie sich beim Fernsehen selbst übersehen hat? Das Schrumpfen der Mittelschicht wird allgemein betrauert, das wachsende Bruttosozialprodukt der dafür verantwortlichen Großkonzerne begrüßt. Aber auch an den Hebeln der Macht wird es einsam. Die Bourgeoisie hat sich in Aktiengesellschaften aufgelöst, stolze Kapitalisten sind zu gestressten ManagerInnen verblasst, die sich in Teamwork, Yoga und flachen Hierarchien üben.
Mein Mitbewohner, einer von ihnen, sagte jüngst auf die Frage was er zu seinem Job denkt: „Ich denke nicht, das Geld denkt, ich trage nur seine Gedanken in Tabellen ein.“ Wie soll man gegen jemanden, der seine Lage erkannt hat, einen inbrünstigen Klassenkampf führen? Wenigstens mein Vermieter zeigt noch unverfälschtes Klassenbewusstsein: „Nein, sie kriegen keine Mietminderung, ich habe heute Morgen schon ein solches Rattenloch vermietet, Hamburg ist die Hölle.“ Inzwischen will auch mein Mitbewohner ihn enteignen.
Lumpenproletariat, Proletariat, Bourgeoisie – was blieb von Euch? Arbeitslose, Arbeitnehmer, Arbeitgeber – Worthülsen ohne Sinn und Verstand. Und wir? Arbeitslos und ständig in Kunstprojekten aktiv, in prekären Jobs, aber noch Geld für die Oper. So haben wir das Einkommen der Proleten und die Vorlieben der Bourgeoisie geerbt, manchmal leihen auch die veralteten Mittelschichtseltern etwas Geld und Spießigkeit. Mittelschichtskinder, die nicht ins Restaurant aufsteigen sondern in Kellerkneipen hinabsteigen, immer noch viel rauchen und lesen, die letzten Spaziergänger und Linken, Dichter und Denker, Lumpenintellektuelle, mittellose Weltreisende, materialistische Romantiker, Wochenendpunks, Teilzeizeithippies, Nerds, Träumer, lachende Loser: Wir sind das Bohemeproblem. Wenn auch eher ein Problem für uns und die Klassensoziologie als für die Klassengesellschaft.

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    4. Dezember 2013 | 22:55

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