Indiegograu akustischer Indiepop aus Hamburg

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Die Menschheit auf dem Weg nach Hause

Die moderne Gesellschaft übersetzt den Wunsch, dass es anders sein möge, in den Wunsch
woanders zu sein. Wenn ich aber Urlaubsfotos meiner Eltern sehe, fällt die Ähnlichkeit zwischen der dortigen Hotelanlage und der hiesigen Werksanlage ins Auge: Beide haben einen Zaun und einen Pförtner, die Kantine heisst Buffet, die VorarbeiterInnen sind Animateure, der Dienstplan wird durch ein Besichtigungsprogramm ersetzt und die entscheidende Erleichterung besteht für ihn im Ausschlafen und für sie in den hoteleigenen Putzkräften. Angesichts der ewig gleichen Trampelpfade in der heimatlichen Kleinstadt mag die längere Luftlinie auf die Insel sogar als Abwechslung durchgehen, das ist Urlaub von der Wohnhaft aber keine Reise.
In der Tat ist der Beginn der menschlichen (Vor)Geschichte selbst aufs engste mit Sesshaftigkeit verbunden, mit Hütten, Viehzucht, Ackerbau, Bergbau usw., das kennen wir ja alles aus den Computerspielen. Nur müssen wir am PC nicht selbst die dazugehörige Arbeit leisten. Im Spiel machen das die lustigen kleinen Pixel, in der Realität zeigt sich an dieser Stelle die unlustige Dialektik des Vorgangs. Bei Adorno und Horkheimer heisst es dazu: „Mit dem Ende des Nomadentums ist die gesellschaftliche Ordnung auf der Basis festen Eigentums hergestellt.“ Sicherlich ist es Fortschritt für die Menschheit nicht mehr hilflos durch den Regen zu stapfen, sondern vermittelt durch Ausbeutung und Herrschaft sich ein Dach über dem Kopf zu verschaffen. In ihrer Welt zu Hause ist sie damit aber noch lange nicht.
Auch TouristInnen müssen sich ihren Traumurlaub durch saure Überstunden verdienen und zur ewigen Wiederkehr zurückkehren. Der Pathos alternativen Reisens – mit Trampen, Wildzelten, und überraschenden Begegnungen – ist nur die andere Seite der selben Medallie, eine Pseudo-Rückkehr zu freier, nomadenhafter Unbehaglichkeit. Stets bleibt die Gefahr beim Trampen im Regen stehen gelassen zu werden oder mit dem Zelt abzusaufen.
Für die Aufhebung dieser Widersprüche, von langweiligem Urlaub und entnervendem Reisen, von Seßhaftigkeit und Nomadentum, ist die Welt objektiv (noch) gar nicht gut eingerichtet. Was wir tun ist nur subjektiver Anfang, um die Kampfplätze in Spielplätze zu verwandeln, Städte in Labyrinthe. Guy Debord und Genossen nannten dies die „Theorie des Umherschweifens“. Als Bildnis der Tauer zeichneten sie auf den Stadtplan von Paris die Wege einer Studentin, einen schwarzen Knubbel um ihre Wohnung, eine gerade Linie zur Uni. So eine Beschränkung des räumlichen Ereignishorizonts ist nicht in der Ferienzeit zu durchbrechden, sondern nur im Alltag. Der Versuch im Regen bei fremden Menschen unter dem Schirm mitzutrampen oder mit dem Zufall der Markisen und Vordächer zu spielen…Begegnungen, Situationen, Experimente gegen die Entfremdung.

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