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Zurück nach Paris – über Kunst und Befreiung

von Brez ((15. August 2007) – Erstveröffentlichung unter: http://alltagskritik.blogsport.de

Rückkehr ist in dieser Zeit des ziellosen Fortschritts ebenso verpönt und geächtet wie jede Form des Innehaltens und der Erinnerung. Die Fehlfarben haben dies mit der ihnen eigenen Ironie sehr schön auf den Punkt gebracht: Geschichte wird gemacht, es geht voran! Gegen das blinde Mitmachen, das Vorangehen im Gleichschritt, richtet sich unsere Kunst. Sie soll vielmehr die Drehung des Hamsterrades anhalten, den persönlichen Momenten von Leid und Glück ihre Bedeutung und Magie zurückgeben und die geschichtlichen Hintergründe der Kunst bewahren. Eine Geschichte, die vordergründig immer die Geschichte der Herrschenden war. Walter Benjamin bemerkte dazu: „Wer immer bis zu diesem Tag den Sieg davontrug, der marschiert mit in dem Triumphzug, der die heute Herrschenden über die dahinführt, die heute am Boden liegen. Die Beute wird, wie das immer so üblich war, im Triumphzug mitgeführt. Man bezeichnet sie als die Kulturgüter.“ Kritische Kunst hat hingegen die Aufgabe, den Triumphzug der Alltäglichkeit zumindest zu behindern, das Band zwischen den Opfern von heute und damals ans Tageslicht zu bringen und das zu sagen was war, was ist und was sein könnte. In diesem Sinne kehren wir zurück nach Paris.

In das Paris von 1789 als mit dem Sturm auf die Bastille der Sturz der vormodernen aristokratischen Herrschaft begann. Die Ständegesellschaft fiel zugunsten einer Freiheit des Einzelnen, einer Freiheit des Bürgers, die sich z.B. in der Idee persönlicher Rechte für alle Menschen niederschlug. Auch die Kunst sollte nun frei sein und nicht länger dem Vergnügen des Adels und der Lehre der Kirche unterworfen bleiben. L’art pour l’art – die Kunst für die Kunst – hiess es wenige Jahrzehnte später, ebenfalls in Paris. Die Geschichte löste die Versprechen der französischen Revolution nicht ein. Die politische Freiheit der Einzelnen fand ihre Grenze an der sozialen Unfreiheit in der entstehenden Klassengesellschaft und der abstrakten Gleichheit auf dem kapitalistischen Markt. Auch die vorgeblich freie Kunst fiel den Verhältnissen erneut zum Opfer, wurde ebenso wie Menschen und Güter zu einer Ware und als Luxus zum Privileg der Bourgeoisie.

Eine Antwort des entstehenden Proletariats, der von Leibeigenschaft und Lebensgrundlage Befreiten, erfolgte 1871 in Gestalt der Kommune von Paris. 10 Tage lang hielt sich der Aufstand der Pariser Bevölkerung bis die Kommune von französischen und preußischen Truppen zerschlagen wurde. In diesen Tagen zeigte sich vielfach, dass der Gedanke der Befreiung weit über die notwendige Umverteilung hinausging. Die Vendome-Säule als Ausdruck herrschaftlicher Kultur wurde gestürzt, spontan kam es zu Exekutionen von Kirchturmuhren als Rebellion gegen die Enge der Arbeitstage. Die Revolution in Paris begann als Aufbegehren, als Fest, als Suche nach einem neuen Leben und einer neuen Kunst. Sie endete im Blut und als Niederlage in einer langen Reihe von Niederlagen, welche die Geschichte bis heute unter dem Mantel des Vergessens versteckt.

Und die Kunst? Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich innerhalb der siegreichen bürgerlichen Gesellschaft eine Massenkultur, welche schon früh die Unterwerfung der Kunst unter die Gesetze des Marktes beförderte, obwohl ihr noch immer der Traum eines selbstzweckhaften Tuns anhaftete. Im Rahmen der Massenkultur stand die Kunst in Deutschland im Dienste des Faschismus, des vernichtenden Antisemitismus und des Krieges. Paris erlebte mit der Besetzung im Sommer 1940 seine dunkelste Stunde. Bereits 1935 hatte Walter Benjamin auf die politische Bedeutung der Kunst hingewiesen. „Die Menschheit, die einst bei Homer ein Schauobjekt für die Olympischen Götter war, ist es nun für sich selbst geworden. Ihre Selbstentfremdung hat jenen Grad erreicht, der sie ihre eigene Vernichtung als ästhetischen Genuss ersten Ranges erleben lässt. So steht es um die Ästhetisierung der Politik, welcher der Faschismus betreibt. Der Kommunismus antwortet ihm mit der Politisierung der Kunst.“ Von der politischen Bedeutung der Kunst blieb in der entstehenden Wohlstandgesellschaft des Nordens, welche die Massen nun nicht mehr nur als ProduzentInnen sondern auch als ebenso fleißige KonsumentInnen benötigte, wenig übrig. Vielmehr stand sie als Kulturindustrie im Dienste der Zerstreuung und spielte ihre Rolle bei der Integration der ehemals gefährlichen Klassen. Oder aber sie lieferte als abgetrennte Sphäre hoher Kunst eine weitere Legitimation des Systems. In beiden Fällen änderte ihre oberflächliche Buntheit nichts am grauen Alltag und dem Keim der Barbarei in seiner Mitte.

Eine weitere Episode in der Geschichte von Kunst und Befreiung ereignete sich im Mai 1968, natürlich in Paris. Inmitten des gezähmten Lebens der Metropole, die von Waren und Freizeitangeboten überquoll, brach ein Generalstreik aus, der das Land lahm legte. Ohne konkrete Forderungen warf er zunächst eine Reihe von Fragen auf; nicht der Grad der Ausbeutung stand zur Diskussion sondern die Qualität des Lebens selbst. Die Situationisten glaubten bereits an die gesellschaftliche Verwirklichung der Kunst. Guy Debord, ein gebürtiger Pariser, hatte schon 1967 geschrieben: „Was man die Kultur nennt, hat die Aufgabe in einer bestimmten Gesellschaft die Möglichkeiten der Organisation des Lebens widerzuspiegeln oder sie auch vorwegzunehmen. Es geht darum die Gemeinsamkeit des Dialogs und das Spiel mit der Zeit, die von dem poetisch-künstlerischen Werk vorgestellt wurden, tatsächlich zu besitzen.“ Das Ende der Kunst als getrennter Bereich des Lebens und die Verwirklichung von Kunst und Spiel in allen gesellschaftlichen Bereichen schien zum Greifen nahe. Auch dieser Traum zerplatzte in Paris.

In den jüngsten Jahrzehnten hat sich die Integration ins Nichts weiter perfektioniert. Politische Kunst im Sinne Benjamins findet in Form von Brechtaufführungen statt, die vor allem von LehrerInnen und anderen Staatsbeamten besucht werden. Flugblätter und Plakate der Situationisten werden diese Tage in einem Museum in Bern ausgestellt, die Kunst bleibt weggesperrt. Selbst der Kampf um Befreiung ist nichts anderes mehr als ein Kulturgut, welches als ironische Verdrängung der Hoffnung im Triumphzug der Sieger mitgeführt wird. Die Massen begnügen sich nun mit dem passiven Betrachten eines banalen kulturindustriellen Spektakels, welches ihnen ihre eigene Langeweile verklärt und noch auf jedes Begehren mit einer neuen Ware zu antworten weiss, deren Erwerb schließlich auch die zusätzlichen Überstunden zu rechtfertigen scheint. Unsere letzte Freiheit heisst „Nein!“ Wir wollen nicht massenhaft und rastlos durch die Diskotheken auf Mallorca, Deutschlands letzter Kolonie, oder die Museen Roms, dem ewigen Zentrum der Macht, gehetzt werden. Wir wollen zurück nach Paris. Mögen auch die Revolten geschlagen sein und die künstlerischen Avantgarden versagt haben, so halten wir dennoch an Kunst als Form der Kritik, Platzhalterin der Wahrheit und Realisation utopischer Möglichkeiten fest. In diesem Sinne ein kurzer Sprung über die Grenze, von Paris nach Frankfurt, wo Theodor W. Adorno notierte: „Kunstwerke sind die Statthalter der nicht länger vom Tausch verunstalteten Dinge. Um inmitten des Äußersten und Finstersten der Realität zu bestehen, müssen die Kunstwerke, die nicht als Zuspruch sich verkaufen wollen, jenem sich gleichmachen. Radikale Kunst heute heisst so viel wie finstere, von der Grundfarbe schwarz-weiss und indiegograu.“

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